LSD

LSD

Ein Sorgenkind wird 75

1943 entdeckt der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die ungeheure psychedelische Wirkung von LSD. 75 Jahre später erzählt die Schweizerische Nationalbibliothek die wechselvolle Geschichte dieser Substanz zwischen Wunderdroge und Sorgenkind.

Entdeckung

Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind

Ich konnte nur noch mit grösster Anstrengung verständlich sprechen und bat meine Laborantin, mich nach Hause zu begleiten. Schon auf dem Heimweg mit dem Fahrrad nahm mein Zustand bedrohliche Formen an. Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel.

Entdeckung

Acid vom Acker

Bei der Basler Sandoz AG forscht Arthur Stoll ab etwa 1920 am Mutterkorn. Aus der altbekannten Heilpflanze leitet er das Migränemittel Ergotamin ab, das sich als Beststeller erweist.

Für die Herstellung von Ergotamin baut die Sandoz AG im grossen Stil Mutterkorn an. Es ist eine unglaubliche Geschichte: Während sich die Schweiz der Anbauschlacht verschreibt und ennet des Rheins der Zweite Weltkrieg tobt, gehen Bauern, Anstaltsinsassen und Tagelöhnerinnen im Emmental und anderswo mit Impfbrettchen und -pistolen durch die Roggenfelder und stecken die Ähren mit Mutterkorn an. 

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Videokopie von 1952. Firmenarchiv der Novartis AG

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Hofmann erläutert seine Formel. Videokopie von 1952. Firmenarchiv der Novartis AG

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Image from the RCSB PDB (www.rcsb.org) of PDB ID 5TVN: Crystal structure of the LSD-bound 5-HT2B receptor. NGL Viewer (AS Rose et al. (2018) NGL viewer: web-based molecular graphics for large complexes. Bioinformatics dio:10.1093/bioinformatics/bty419), and RCSB PDB.

Entdeckung

Neue Welten

Am 16. April 1943 nimmt Albert Hofmann durch Zufall eine Spur LSD auf. Als erster Mensch erfährt er die psychedelische Wirkung der Substanz. Drei Tage später schluckt Hofmann erneut LSD. Im Selbstversuch will er die zuvor gemachte Erfahrung genauer untersuchen. Doch eine merkwürdige Unruhe und starker Schwindel zwingen ihn dazu, nach Hause zu fahren. Hofmanns legendärer Fahrradfahrt wird jedes Jahr am 19. April gedacht, dem «Bicycle Day».

Die stark halluzinogene Wirkung bestätigt sich im Selbstversuch: Unter starkem Schwindel und zunehmendem Ohnmachtsgefühl erscheint Hofmann die gut bekannte Nachbarsfrau – die ihm Milch zur Linderung seines Unwohlseins reicht – als «bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze». Hofmann ist in eine andere Welt eingetreten. Der anfängliche Eindruck, wahnsinnig geworden zu sein, weicht mit der Zeit einem Glücksgefühl. Nun geniesst Hofmann die unerhörten Farben- und Formenspiele, die sich hinter seinen geschlossenen Augen darbieten.

Vertrieb und Anwendung

Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind

Aus seinen Wirkungsqualitäten ergaben sich für LSD vielseitige medizinisch-psychiatrische Anwendungsmöglichkeiten. Sandoz stellte daher den neuen Wirkstoff, der auf meinen Vorschlag hin die Markenbezeichnung "Delysid" (D-Lysergsäurediäthylamid) erhielt, den Forschungsinstituten und der Ärzteschaft zur Verfügung.

Vertrieb und Anwendung

LSD für alle?

Nach weiteren Selbst- und Tierversuchen stuft die Sandoz AG LSD als gesundheitlich unbedenklich ein. Die Firma vertreibt die Substanz unter dem Namen «Delysid» gratis und breit zu Forschungszwecken.

Bis 1950 avanciert LSD zum Experimentalstoff par excellence. Die Sandoz AG denkt intensiv über eine Markteinführung von Delysid nach.

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Videokopie von 1952. Firmenarchiv der Novartis AG

Vertrieb und Anwendung

Anwendungsformen

Laut Beipackzettel vermittle Delysid dem Arzt im Selbstversuch einen Einblick in die Ideenwelt Geisteskranker und löse bei Gesunden kurzfristige, künstliche Psychosen aus. Der LSD-Rausch wird als «Irresein im Kleinen» gedeutet. Psychiater hoffen, mit LSD psychische Krankheiten endlich besser zu verstehen.

LSD reiht sich damit ein in die pharmakologische Euphorie in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Hoffnung ist gross, die Psyche mittels LSD chemisch steuern zu können. Vom Kampfwillen der Soldaten über die Netzweberei von Spinnen bis hin zur Trinklust von Alkoholikern werden Anwendungsmöglichkeiten des potentiellen Wundermittels «Delysid» erprobt.

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https://youtu.be/miCDPzJHvjk; Los Angeles Veterans Administration Hospital (1950)

Entgrenzung des Konsums

Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind

In den Jahren 1964 bis 1966 erreichte die Publizität um LSD ihren Höhepunkt, sowohl was begeisterte Berichte von Drogenfanatikern und Hippies über die Wunderwirkung von LSD als auch was Meldungen von Unglücksfällen, von seelischen Zusammenbrüchen , von kriminellen Handlungen, Morden und Selbstmorden unter dem Einfluss von LSD anbetraf. Es herrschte eine wahre LSD-Hysterie.

Entgrenzung des Konsum

Hippie-Bewegung

Hofmann beobachtet die Entgrenzung des LSD-Konsums mit Sorge. Er ist der Überzeugung, dass die Einnahme von LSD ausserhalb eines medizinischen Rahmens und ohne Aufsicht vielerlei Gefahren in sich trägt. Hofmann lehnt den freien Konsum von LSD entschieden ab, befürwortet aber geführte Testserien durch Künstlerinnen, Geisteswissenschaftler und Psychologinnen.

 

Einen anderen Zugang vertritt der Harvard-Dozent Timothy Leary. Leary ist überzeugt, dass LSD die richtige Droge für seine Zeit ist. Er fordert den freien, unbegrenzten Zugang zu psychedelischen Drogen. Für ihn befindet sich die Gesellschaft im Aufbruch: Friedensbewegung, sexuelle Befreiung, neue Wege in Kunst und Kultur und eine Kritik an der Leistungsgesellschaft, machen LSD für Leary zum Katalysator einer friedlichen Revolution.

Als Learys Testserien immer stärker den Anschein von LSD-Parties versprühen, verliert er seine akademische Stelle. Er wird zu einer drakonischen Gefängnisstrafe verurteilt. Seine abenteuerliche Flucht führt ihn auch in die Schweiz. Hier trifft er Albert Hofmann, Walter Vogt und andere. Mit der Psychedelic Rock Band «Ash Ra Temple» nimmt Leary unter dem Einfluss von LSD in Bern ein Studioalbum auf.

Entgrenzung des Konsum

Psychedelische Popkultur

Als sich LSD ausbreitet, zeigen sich die psychedelischen Einflüsse auf die Popkultur immer klarer. Nach 1960 entsteht eine eigenständige psychedelische Kunst- und Musikrichtung.

Die Beatles schaffen mit dem Song «Lucy in the Sky with Diamonds» 1967 vermutlich unbewusst eine der bekanntesten LSD-Hymnen. Andere Bands kommunizieren ihren LSD-Konsum ganz offen und erklären den Trip als Inspirationsquelle ihrer Musik. 

Die Schweizer Band «Brainticket» schreibt etwa mit «Cottonwood Hill» (1971) ein so experimentelles wie psychedelisches Stück Schweizer Musikgeschichte.

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Brainticket. Cottonwood Hill. 1972. 

Entgrenzung des Konsum

Ein Star wider Willen

Albert Hofmann distanziert sich von den Exzessen der enthemmten psychedelisch geprägten Bewegung. Dennoch wird der Schöpfer von LSD von den Konsumierenden und Fans als Kultfigur verehrt.

Entgrenzung des Konsums

Gefährlicher Stoff

Die Verbindung von gesellschaftlichem Ungehorsam und breitem Konsum führt ab der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre zu einer Welle der Repression: 1966 wird die Herstellung, der Besitz und der Konsum von LSD in den USA verboten. Im Hippiejahr 1968 zieht die Schweiz mit einem Teilverbot des Stoffes nach. 

Für Hofmann gehen die Verbote zu weit. Sie untersagen auch jegliche wissenschaftliche Forschung an und mit dem Stoff. 1979 veröffentlicht er mit «LSD, mein Sorgenkind» seinen persönlichen Blick auf die Geschichte von LSD. Damit will Hofmann in die öffentliche Diskussion eingreifen. Er nimmt eine positive Haltung zu LSD ein, blendet einige kritische Aspekte aus, wie seine Zusammenarbeit mit Militärs zum kriegerischen Einsatz von LSD, und versucht, die Substanz zu retten. Aus dem «Sorgenkind», das sein LSD geworden ist, soll wieder ein «Wunderkind» werden.

Farbe und Form

Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind

Es wurde von LSD-Sitzungen berichtet, die aussergewöhnliche ästhetische Erlebnisse und neue Einsichten in das Wesen schöpferischer Prozesse vermittelt hatten. Künstler wurden in ihrem Schaffen in unkonventioneller Weise beeinflusst. Es entwiclete sich eine besondere Kunstgattung, die als psychedelische Kunst bekannt geworden ist.

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Marcel Duchamp: Rotorrelief. Quelle: Schweizerische Nationalbibliothek. Graphische Sammlung: Archiv Daniel Spoerri. Abspielgerät mit modifiziertem Plattenspieler: Simon Schmid, Schweizerische Nationalbibliothek © Familie Stauffer 

Farbe und Form

Serge Stauffer

Eine andere Form der künstlerischen Befreiung verkörpert Serge Stauffer. Stauffer macht keine psychedelische Kunst, sondern arbeitet seine LSD-Erfahrungen in ein eigenständiges Werk ein. In Collagen, Textbildern und geometrischen Schnitten kommt zum Ausdruck, wie er «Kunst als Forschung» betreibt.

Stauffer, der als Übersetzer von und Experte für Marcel Duchamp bekannt ist, steht aber auch für einen institutionellen Aufbruch. 1971 ist er Mitbegründer der F + F Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich. Formen + Farben werden hier mit befreienden Ansätzen erforscht und die Kunstausbildung mit neuen Impulsen versehen. 

Stoffe

Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind

Zu den persönlichen Verbindungen, die ich LSD verdanke, gehört auch die Freundschaft mit dem Arzt, Psychiater und Schriftsteller Dr. med. Walter Vogt. Es waren weniger die medizinischen Aspekte von LSD, den den Arzt interessierten, als vielmehr seine tiefenpsychologischen, bewusstseinsverändernden Wirkungen, die den Schriftsteller interessierten.

Substances

Walter Vogt

Im November 1970 schickt Walter Vogt ein Paket an Albert Hofmann. Darin befindet sich sein Buch «Der Vogel auf dem Tisch». Vogt bittet den Chemiker um Kontaktaufnahme. Hofmann, der Autographen sammelt und bereits mit Autoren wie Aldous Huxley und Ernst Jünger korrespondiert, antwortet Vogt mit Freuden. Bald stellt sich heraus, dass beide Männer ein Interesse für Vogelwelt, Literatur und LSD teilen. Sie besuchen sich gegenseitig und nehmen wahrscheinlich auch zusammen LSD. Es entwickeln sich eine Freundschaft und ein Briefwechsel.

Blättern Sie durch den Briefwechsel von Walter Vogt und Albert Hofmann. Er ist hier erstmals veröffentlicht:

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Der Briefwechsel ist hier erstmal zusammengeführt aus dem Nachlass von Albert Hofmann, Institut für Medizingeschichte der Universität Bern, und dem Schweizerischen Literaturarchiv, Nachlass Walter Vogt.

Vom Sorgenkind zum Wunderkind

Albert Hofmann, LSD - mein Sorgenkind

Wenn man lernen würde, die Fähigkeit von LSD, unter geeigneten Bedingungen visionäres Erleben hervorzurufen, in der medizinischen Praxis und in Verbindung mit Meditation besser zu nutzen, dann könnte dieses neuartige Psychopharmakon, glaube ich, von einem Sorgenkind zum Wunderkind werden.

Vom Sorgenkind zum Wunderkind

Blick zurück

Am 29. April 2008 stirbt Albert Hofmann hochbetagt. Kurz vor seinem Tod erfährt er mit Genugtuung, dass die Schweizer Behörden eine Ausnahmebewilligung für eine psychiatrische Studie mit LSD erteilen. Es ist die weltweit erste seit den 1970er-Jahren.

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Dr. Peter Gasser, Psychiater und Psychotherapeut, der die weltweit ersten psychiatrischen LSD-Studien seit den 1970er-Jahren durchführte. Aufnahme: Simon Schmid, Schweizerische Nationalbibliothek.

Vom Sorgenkind zum Wunderkind

Teilrehabilitierung

Es sind Veränderungen in den Neurowissenschaften und behördliche Ausnahmebewilligungen, die ein LSD-Revival ermöglichen. Heute werden in der Schweiz und in den USA mit bildgebenden Verfahren Bewusstseinsprozesse erforscht oder LSD experimentell in der Psychotherapie eingesetzt. 

Hofmanns Hoffnung, dass sein Sorgenkind eines Tages zum Wunderkind wird, scheint wieder ein Stück greifbarer: Der Substanz werden kein Suchtpotential und geringe Risiken, dafür ein therapeutisches Potenzial bei Depressionen und der Behandlung unheilbar Kranker zugeschrieben.

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Prof. Dr. med. Matthias Liechti, stellvertretender Chefarzt Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Basel. Aufnahme: Simon Schmid, Schweizerische Nationalbibliothek.

Vom Sorgenkind zum Wunderkind

Illegaler Konsum heute

Auch als illegale Droge ist LSD bis heute verbreitet. Nach Kokain, Ecstasy und Amphetaminen ist es die vermutlich am häufigsten konsumierte illegale Substanz in der Schweiz.   

Einfallsreiche Konsumenten haben schliesslich die Praxis des Microdosings entwickelt. In Kleinstdosen soll LSD Programmierern, Grafikerinnen oder Schriftstellern helfen, produktiver, konzentrierter und kreativer zu arbeiten.

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T., der von seinen persönlichen Erfahrungen mit LSD berichtet. Aufnahme: Simon Schmid, Schweizerische Nationalbibliothek.

Vom Sorgenkind zum Wunderkind

Offenes Ende

Fest steht, dass LSD sich wandelt: Was 1968 noch zum Ausstieg aus einer als falsch empfundenen Arbeitswelt diente, steht nun, um 180 Grad gewendet, ganz im Zeichen eines besseren Funktionierens innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. – Wohin die Geschichte in Zukunft führt, bleibt offen.

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